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Der Neusiedler See
Der Neusiedler See ist der westlichste und zugleich größte Steppensee Europas. Er entstand gegen Ende der letzten Eiszeit, also vor rund 13.000 Jahren, durch tektonische Absenkungen. Als echter Steppensee zeichnet sich der Neusiedler See nicht nur durch seine geringe Tiefe und den schwachen Salzgehalt aus, sondern vor allem durch seinen ungewöhnlichen Wasserhaushalt. So wird der See zu über 80 Prozent von Niederschlägen gespeist. Der einzig nennenswerte oberirdische Zufluss ist die Wulka. Das Mündungsgebiet - am südlichen Rand des Naturparks, zwischen den Gemeinden Donnerskirchen und Oggau gelegen - stellt aufgrund der schlechten Zugänglichkeit ein vom Menschen kaum beeinflusstes Naturjuwel dar, welches durch die naturnahen Mäander der Wulka geprägt ist.

Der See hat, neben seiner Rolle als Klimaregulator und Lebensraum vieler Pflanzen- und Tierarten große Bedeutung für den Tourismus. Die Nähe zur Großstadt machte ihn zum viel zitierten "Meer der Wiener". Das Seebad Breitenbrunn etwa zieht im Sommer unzählige Segler, Surfer und sonstige Wasser- und Sonnenhungrige an. Im Winter ist er ein beliebtes Ziel für Eisläufer, Eissurfer und Eisssegler.


Ein See mit langer Geschichte
Das etwa 320 kmē große Seebecken umfaßt die offene Wasserfläche des Neusiedler Sees und den ausgedehnten Schilfgürtel. Landeinwärts schließen die Feuchtwiesen des Seevorgeländes an, die am Ostufer vom Seedamm begrenzt werden. Der Neusiedler See entstand vor etwa 20.000 Jahren durch mehrere tektonische Einbrüche und Senkungen als flache Wanne auf der Oberfläche jungtertiärer Sedimente. Der Wasserhaushalt des einst abflußlosen Sees wird vor allem von klimatischen Faktoren wie Niederschlag und Verdunstung bestimmt. Die Wulka, der einzige größere Zufluß, ersetzt nur etwa ein Viertel der Verdunstung des Sees. Der Zustrom aus dem Grundwasser ist unbedeutend, hingegen machen die Niederschläge auf die Seefläche mehr als drei Viertel des Wassereintrages aus.

Der Wasserspiegel ist jahreszeitlichen und langfristig periodischen Schwankungen unterworfen. Auf den Tiefstand des Pegels gegen Ende des Sommers folgt im Herbst mit geringerer Verdunstung und höheren Niederschlägen ein Anstieg des Wasserstandes. Der Einserkanal, ein künstlicher Abfluß, durch den der See über Rabnitz und Raab zur Donau entwässert, verhindert heute größere Wasserstandsswankungen wie sie in historischer Zeit mehrmals auftraten. Hochwasserperioden überschwemmten ganze Ortschaften und wechselten mit Zeiten, zuletzt 1864 bis 1870, in denen der See völlig austrocknete.


Die Pflanzenwelt im Steppensee
Das Kamm-Laichkraut (Potamogeton pectinatus) und in geringerem Ausmaß das Tausendblatt (Myriophyllum spicatum) sind die häufigsten höheren Wasserpflanzen des Sees. In Schilfnähe wachsen kleinere Bestände mit Hornblatt (Ceratophyllum demersum), Nixkraut (Najas marina) und Armleuchteralge (Chara ceratophylla). Der Wasserschlauch (Utricularia vulgaris) ist nur im Schilfröhricht anzutreffen. Seine Blätter sind zu Fangblasen umgebildet, die Kleinkrebse, Insektenlarven und andere Kleintiere einschließen und verdauen. Der Tierfang dient dem Wasserschlauch als zusätzliche Stickstoffquelle.

Das Schilfröhricht umschließt die offene Wasserfläche in einem bis zu 5 km breiten Gürtel. Vom Wind geschützt, ist das bräunlich gefärbte Wasser innerhalb des Röhrichts ruhig und klar. Das konkurrenzstarke Schilfrohr (Phragmites australis) bildet eine natürliche Monokultur, der Rohrkolben (Typha angustifolia) kann sich nur kurzzeitig an offenen Stellen behaupten. Trotz der Vorherrschaft von nur einer Pflanzenart ist der Schilfgürtel reich an unterschiedlichen Lebensräumen. Schilfkanäle und freie Wasserflächen wechseln mit Schilfbeständen unterschiedlicher Struktur und verschiedenem Alter.


Das Vogelparadies
Die größte Bedeutung besitzt der Schilfgürtel jedoch für die Vogelwelt.
Die Kolonien der großen Schreitvögel wie Silber-, Purpur- und Graureiher (Casmerodius albus, Ardea purpurea und A. cinerea) sowie der stark gefährdeten Löffler (Platalea leucorodia) zählen zu den Besonderheiten des Gebietes. Der Löffler ist zur Gänze auf aqutatische Beutetiere angewiesen, während die drei größeren Reiherarten bei niederen Wasserständen auch auf terrestrische Futterquellen ausweichen können.

Zahlreiche spezialisierte Schilfsingvögel und Rallen bauen nicht nur ihre Nester im Schilf, sondern gehen auch hier auf Nahrungssuche. Geschickte, hoch spezialisierte Kletterer, die ihr Nest an senkrechte Halme flechten sind Teich- und Drosselrohrsänger (Acrocephalus scirpacaeus und A. arundinaceus). Jüngere und starkhalmige Bestände bevorzugt auch die Rohrdommel (Botaurus stellaris), während die Zwergrohrdommel (Ixobrychus minutus) auch in ältere und dichtere Bestände eindringt. Sie sind geschickte Halmkletterer, die mit langen Zehen ganze Rohrbündel umgreifen und wie die Reiher von Fischen leben. Auf umgeknickte Halme als Unterlage für den Nestbau ist der Rohrschwirl (Locustella luscinioides) angewiesen. Ältere Schilfbestände mit abgestorbenen und umgebrochenen Halmen, die einen niederen und dichten Bewuchs bilden, werden zum Nestbau vom Mariskensänger (Acrocephalus melanopogon) und von der Bartmeise (Panurus biarmicus) bevorzugt. Besonders der Rohrschwirl (Locustella luscinioides) und das Kleine Sumpfhuhn (Porzana parva) sind ausgesprochene Altschilfspezialisten, die geschickt auf waagrechten und umgeknickten Halmen entlanglaufen. In ihrer Verbreitung an den landseitigen Rand des Röhrichts gebunden sind der Schilfrohrsänger (Acrocephalus schoenobaenus) und der Rohrammer (Emberiza schoeniclus). In diesen nur mehr im Frühling seicht überfluteten, an Großseggen reichen Flächen kommt auch die Wasserralle (Rallus aquaticus) vor. Den Übergangsbereich von Altschilfbeständen zu offenen Landbiotopen bewohnt das Weißsternige Blaukehlchen (Luscinia svecica syanecula).

Zu den Schwimmvögeln, die ihren Verbreitungsschwerpunkt im Schilf besitzen, zählen Zwerg- und Haubentaucher (Tachybaptus ruficollis und Podiceps cristatus) sowie mehrere Entenarten wie Stockente (Anas platyrhynchos), Knäkente (A. querquedula), Löffelente (A. clypeata), Kolbenente (Netta rufina), Tafelente (Aythya ferina) und Moorente (Aythya nyroca). Ein sehr anpassungsfähiger und weit verbreiteter Brutvogel ist das Bläßhuhn (Fulica atra). Die Brutgebiete der Graugans (Anser anser) liegen häuptsächlich im ostseitigen Schilfgürtel. Nach dem Schlüpfen suchen die Gänse mit ihren Jungen die angrenzenden Wiesen oder die Lacken des Seewinkels zur Nahrungsuche auf. Die Rohrweihe (Circus aeruginosus) ist heute der häufigste Greifvogel am Neusiedler See. Sie errichtet ihren Nistplatz im sicheren Röhricht, macht jedoch in anderen Lebensräumen Jagd auf Kleintiere.


Leben im Wasser
Der Bestand an Friedfischen wird von Schleie (Tinca tinca), Brachse (Abramis brama), Gibel (Carassius auratus gibelio), Güster (Blicca bjoerkna), Laube (Alburnus alburnus), Rotauge (Rutilus rutilus) und Rotfeder (Scardinius erythrophthalmus) gebildet. Der massenhaft auftretende Sichling (Pelecus cultratus) ist erst über den Einserkanal aus dem Donausystem zugewandert.

Der Wildkarpfen (Cyprinus carpio), einst wichtigster Wirtschaftsfisch, ist infolge fehlender Laichgebiete stark zurückgegangen. Auch die Vermehrung der Hechte (Essox lucius) ist durch den Verlust der überschwemmten Feuchtwiesen am Seerand eingeschränkt. Heute ist der durch Besatzmaßnahmen eingebrachte Aal (Anguilla anguilla) der wirtschaftlich wichtigste Fisch. Seine räuberische Lebensweise ist am Verschwinden von Kleinfischen, wie dem Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis), beteiligt. Der Zander (Stizostedion lucioperca) ist an das trübe Wasser des Neusiedler Sees gut angepaßt, da er vorwiegend nachts und mehr mit dem Geruchssinn, als auf Sicht jagt.

Eine kaum beschreibbare Fülle an Kleintieren wie Schwimm- und Wasserkäfer, massenhaft im Wasser lebende Insektenlarven von Stech- und Zuckmücken, Köcherfliegen, Eintagsfliegen, Libellen, zahlreiche Wasserschnecken, auf und im Wasser lebende Wanzen und Spinnen finden hier ihren Lebensraum. In Entwässerungsgräben der landseitigen Bereiche sind der Donau-Kammolch (Triturus cristatus subsp. dobrogicus) und der Teichmolch (Triturus vulgaris) verbreitet. Besonders zur Laichzeit sind die Rufe von Wasserfrosch (Rana esculenta), Laubfrosch (Hyla arborea) und Rotbauchunke (Bombina bombina) weithin zu hören. Im Verlandungsbereich des Westufers sind der Springfrosch (Rana dalmatina) und der seltene, zur Laichzeit blau gefärbte Moorfrosch (Rana arvalis) anzutreffen. Versteckt im Schilfdickicht und in landseitig angrenzenden Großseggenbeständen leben Wald-, Zwerg-, Sumpf- und Wasserspitzmaus (Sorex araneus, S. minutus, Neomys anomalus, N. fodiens). Die ursprünglich in Nordamerika beheimatete Bisamratte (Ondatra zibethicus) findet im Schilfgürtel optimale Lebensbedingungen vor. Weitere Nagetiere der Verlandungszone sind die Schermaus (Arvicola terrestris), die Zwergmaus (Micromys minutus) und die Nordische Wühlmaus (Microtus oeconomus).